Ulla Lenze, Der Empfänger

Ulla Lenze erzählt in ihrem Roman die Geschichte des deutschen Auswanderers Josef Klein, der schon 1924 aus der deutschen, kleinstädtischen Enge in die multikulturelle Millionenstadt New York kam, in deren Anonymität der Tanzbars, Jazzclubs, Stadtparks und Automatenrestaurants er sich frei, aber auch irgendwie aufgehoben fühlt. Die verschiedenen Erzählebenen des Romans - sie reichen von 1924 bis 1953 - machen ihn zu einer spannenden Mischung aus Familiengeschichte und Spionagethriller.

Als leidenschaftlicher Amateurfunker zieht Joe Klein, wie er jetzt heißt, in den 30er Jahren die Aufmerksamkeit  von Nazispionen, aber auch des FBI auf sich, es ist kurz vor Kriegsbeginn. Zudem gerät er durch seine Arbeit in einer Druckerei, in der Flugblätter gedruckt werden, in die Gesellschaft deutscher und amerikanischer Nationalsozialisten, Rassisten und Antisemiten und wird mehr oder weniger unfreiwillig zum Doppelagenten. Seine Arglosigkeit treibt ihn in die Fänge der Faschisten, seine Angst vor den Nazis dann schließlich zum FBI. Nach Absitzen einer Gefängnisstrafe wird er 1949 nach Deutschland abgeschoben, wo er in der Familie seines Bruders im Rheinland lebt. Von dort flieht er bald auch wieder – erst nach Buenos Aires, seine Geschichte endet dann schließlich im Busch von Costa Rica, wo er als Karthograf arbeitet und man ihn Don Jose nennt.

Die Autorin nähert sich ihrem Protagonisten, diesem „Empfänger“ von Befehlen von allen Seiten, sie legt sich nicht fest, irgendwie war er Täter oder auch Widerständler, Kollaborateur oder doch Verräter...? Die reale Figur, die hinter Josef Klein steht, ist übrigens der Großonkel von Ulla Lenze, dessen Geschichte sie anhand von Briefen, den Erinnerungen ihrer Mutter und einer gründlichen historischen Recherche zu diesem beeindruckenden Roman verarbeitet hat.

Christine Macco

Lenze, Ulla
Klett-Cotta
ISBN/EAN: 9783608964639
22,00 € (inkl. MwSt.)
,
Seiler, Lutz
Suhrkamp
ISBN/EAN: 9783518429259
24,00 € (inkl. MwSt.)